Katholische Kirche St. Suitbert

Benannt ist die St. Suitbert-Kirche nach dem angelsäch-sischen Missionar Swidbert (640/60–713). Swidbert war einer der 12 Männer, die auf Betreiben des fränkischen Hausmeiers Pippin aus Nord-Ost-England kamen, um gegen Ende des 7. Jahrhunderts ihren noch heidnischen Stammesgeschwistern auf dem Kontinent das Evangelium zu verkünden.

Swidberts Mission galt dabei den Brukterern zwischen Ruhr und Lippe. Seinem Bemühen wurde aber in diesem Gebiet außerhalb des eigentlichen Einflussbereiches der Franken 794 ein jähes Ende durch den Einfall heidnischer Sachsen bereitet. Er zog sich auf die Rheininsel Kaiserswerth zurück, wo er im Jahre 713 starb und seine letzte Ruhestätte fand. Erst einhundert Jahre später, nach Gründung des Kloster Werden durch Liudger, wurde Swidberts Mission in unserem Gebiet weitergeführt.

 Jahrhunderte lang war die Geschichte der Überruhrer Christen eng mit dem „freiweltlichen adeligen Damenstift Rellinghausen“ verknüpft. Seit 1803 verfügten die Überruhrer Katholiken über eine Kapelle. 1874 wurde  im Stadtteil Hinsel eine Kirche mit dem Patrozinium „St. Maria Heimsuchung“ eingeweiht. Wegen des großen Bevölkerungszuwachses in der Nach-kriegszeit wurde 1960 die Pfarre geteilt. Für die Holthauser Katholiken wurde die Rektoratspfarrei St. Suitbert errichtet. Nach einer mehrjährigen Phase der Bauplanung und Konstruktion, für die man den Düsseldorfer Architekten Josef Lehmbrock (1918-1999) und den Bauingenieur Stefán Polónyi (*1930) gewinnen konnte, wurde die Kirche St. Suitbert am 2. April 1966 eingeweiht. Seinen internationalen Ruf verdankt Prof. Polonyi nicht zuletzt diesem Werk. Der Bau steht in der Tradition der architektonischen Moderne, die von „Schalenbaugrößen“ wie F. Candela, S. Calatrava H. Isler, U. Müther und vielen anderen begründet oder fortgeführt wurde. Die hyperbolisch-paraboloide Dachkonstruktion von St. Suitbert ist ein doppelt gekrümmtes Stahlbeton-Schalenbauwerk.

Die nur wenige Zentimeter starke „Hyparschale“ überdeckt mit einer Spannweite von 31x22 m einen Kirchenraum, dessen Grundriss ein Oval bildet. Die Lasten werden zweiseitig von zusätzlich miteinander verbunden Widerlagern abgetragen. Die mit der Dachkonstruktion verbundenen, aber nichttragenden Faltwände sind durch schmale vertikal und unterhalb der Dachschale auch horizontal verlaufende Lichtbänder, die das Tageslicht diffus eintreten lassen, voneinander getrennt. Das Kircheninnere wird ganz von den nachkonziliaren liturgischen Entwicklungen bestimmt, die zwar dem Altarraum weiterhin eine hervorgehobene Stellung zugestehen, den Altar selbst aber nach vorne rücken und durch die fächerartig zum Altarbereich hin angeordneten Bänke die Gemeinde in den Gottesdienst einbeziehen.
 
Nur ein Vierteljahrhundert nach Errichtung der Kirche wird eine umfangreiche Sanierung notwendig. So erhalten die Außenwände einen Dämmschutz, der Eingangsbereich wird außen durch einen überdachten Zugang erweitert und setzt sich im Inneren als Andachtskapelle fort. Eine Empore wird errichtet, den Steinplattenboden ersetzt ein Kopfholzpflaster, die Innenwände erhalten eine geome-trisch angeordnete, den Blick nach oben ziehende Farbgebung. Zwar verletzt nun manches die reine Lehre der ursprünglichen Sichtbetonarchitektur, ist aber vielleicht der Preis für die Erhaltung eines der außergewöhnlichsten Sakralbauten des Bistums Essen.
Heute ist die Kirche St. Suitbert eine der Gemeindekirchen der Pfarrei St. Josef Essen Ruhrhalbinsel.

Text und Fotos: Werner Friese / Luftaufnahme Tobias Friese)

Vortrag zur Enthüllung der Geschichtspfadtafel St. Suitbert

„Wer die Zukunft erforschen will, muss die Vergangenheit kennen.“ (Chin. Weisheit)
Danken möchte ich im Namen der Gemeinde St. Suitbert der Überruhrer Bürgerschaft und dem Ehepaar Weidner, ohne die diese Tafel nicht hier stünde.
Überruhr hat eine lange Geschichte: Das ptolemäische „Navalia“ des berühmten Atlas aus dem 2. Jh. hat sich nach neuesten Erkenntnissen auf unserer Halbinsel befunden.
Dabei denken wir an die Funde am Brukterer Hang. Ein Teil befindet sich im Ruhrlandmuseum auf der Zeche “Zollverein“. Die kleine Venusstatuette erinnert an den Handel mit Sizilien.
Nach der Geschichte des alten römischen Imperiums und Germaniens erlebt unsere Region wiederum ein Stück  europäischer Geschichte: es handelt sich um die erste Berührung mit dem Christentum.
Noch genauer: es ist  die sogenannte angelsächsische Mission, mit der die gerade zum Christentum bekehrten Angelsachsen Britanniens Ende des 7. Jahrhunderts den sogenannten „Altsachsen“ d.h. ihren Stammesgeschwis¬tern in Friesland und darüber hinaus, das Evangelium predigen wollten.
Wie schon vorher beim Handel mit Sizilien, auch jetzt wieder: Überruhr –  ganz im Zeichen Europas
Schutzherr war der damalige fränkische Herrscher, Pippin v. Herstal, ein Vorfahr Karls d. Großen.
Unter den Missionaren – einer war der auch manchen von uns bekannte Willibrord v. Echternach im heutigen Luxemburg- befindet sich auch Swidbert, an den das Patrozinium dieser Kirche hier erinnert.
Ein glücklicher Umstand wollte es, dass der erste Pfarrer der 1961 neugegründeten Holthauser Pfarrei die neue Kirche unbedingt unter das Patrozinium des Hl. Swidbert zu stellen wünschte.
In York zum Bischof geweiht, begibt Swidbert sich in das Gebiet der Bruk-terer, und verzichtet dabei aber anders als in Südfriesland auf den Schutz des fränkischen Herrschers. Vielleicht gab es dadurch auch in unserer näheren Heimat Berührung mit dem Christentum.
Swidberts Missionstätigkeit bei den Brukterern dauert allerdings nur ein Jahr und wird von einfallenden heidnischen Sachsen zerstört. Swidbert zieht sich auf fränkisches Gebiet zurück, wo er mit Hilfe von Pippins Gattin Plektrudis auf der Rheininsel Kaiserswerth ein Kloster gründet und dort auch im Jahre 713 stirbt. Erst einhundert Jahre später wird unsere Halbinsel nach Gründung des Klosters Werden (799)  endgültig christlich. Viele Jahrhunderte hindurch wird unsere Überruhrer Geschichte vom Damen-Stift Rellinghausen bestimmt, bis schließlich in Überruhr eine eigene katholische Pfarrgemeinde gegründet wird und über eine 1874 eingeweihte eigene kath. Pfarrkirche mit dem Patrozinium St. Maria Heimsuchung verfügt.
Nun aber endgültig zum zweiten Teil der Lehrpfadtafel!
1961 – der Bergbau läuft noch auf vollen Touren und die Überruhrer Bevölkerung wächst enorm -wird im Holthauser Stadtteil eine zweite katholische Pfarre namens St. Suitbert gegründet.
1966 kann die neue Kirche eingeweiht werden.
Sie ist eines der herausragenden Zeugnisse der Architektur der 60er Jahre, in der europäischen und internationalen Tradition der Hyparschalenar¬chi¬tekten und –statiker. Hierzu finden Sie auch einige kurze Informationen. Sagen Sie bitte nicht : „Muschel-“ oder „Sattelkirche“ oder „komische Kirche“ oder wie ich kürzlich von Schülern bei einer Kirchenführung hörte „Das ist doch gar keine Kirche, die hat ja überhaupt keine Säulen!“
Unsere Swidbertkirche ist auch ein Zeugnis der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche: der Innenraum  eine architektonische Umsetzung der „Volk Gottes-Theologie des II. Vatikanischen Konzils, das vor 50 Jahren eröffnet wurde.
Fast hätte unsere Kirche endgültig das Schicksal vieler Bauten der sech-ziger Jahre ereilt, als gerade einmal zwanzig Jahre nach Errichtung, Ende der 80 Jahre - eine umfassende Sanierung – nicht in der Statik (keine Angst!) sondern v.a. bei den nichttragenden Bauteilen notwenig geworden war. Man entschloss sich mit einigen kunsthistorisch durchaus diskutablen Zusätzen (Vorbau, Fußboden, Schutzhaut im Außenbereich u.a.m.) die Kirche zu restaurieren.
Und noch einmal- gerade 15 Jahre später – sollte die Kirche im Rahmen der Umstrukturierung des Bistums Essen ganz verschwinden. Medienwirksame Proteste der Überruhrer Bürger, intensives Nachdenken im Generalvikariat, massive Einsprüche von Bistumshistorikern und Architekten aus aller Welt sollten diese unreflektierte Entscheidung nicht nur in Frage stellen, sondern komplett rückgängig machen.
Ja, - Überruhr kann stolz sein auf ein außergewöhnliches Bauwerk, das inzwischen fast ein halbes Jahrhundert überdauert hat und ein großes Renommé über die Halbinselgrenzen hinaus genießt.
Die katholische Gemeinde St. Suitbert, mit ihrer Holthauser Gemeindekirche St. Suidbert und ihrer Hinseler Filialkirche St. Mariä Heimsuchung – so die binnenkirchliche Sprachregelung -  ist ein stolzer und selbstbewusster Teil der Überruhrer Geschichte und – so Gott will- der noch lange nicht abgeschlossenen Zukunft unseres Überruhrer Gemeinwesens.

Text und Fotos: Werner Friese